Todesstrafe?

Februar 18, 2006 on 10:19 pm | In Welt |

Zum Wochenende ein wenig Politik: Obwohl die Tookie-Debatte nicht mehr ganz aktuell ist, bin ich erst heute auf eine durchaus nicht uninteressante Grundsatzdiskussion über die Todesstrafe gestossen. Anhand des Story des geläuterten Mörders “Tookie” entflammt erneut eine hitzige Diskussion um ein ewiges Thema.

Argumente liefern beide Seiten: Die Gegner meinen polemisch, in einem zivilisierten Land gebe es keine Todesstrafe und die Todesstrafe sei peinlich oder argumentieren, der Staat zeige den Bürgern, Gewalt untereinander sei wirkungsvoll und ein legitimes Mittel.

Die Befürworter führen als Argument die Opfer ins Feld: Schliesslich seien auch sie nicht gefragt worden, ob sie sterben wollen und somit wäre es nichts als gerecht, auch den Mörder zu exekutieren. Mutige Stimmen sagen, ein Mörder verdiene keinerlei Mitleid, sondern nur Verachtung.

Die Vereinigten Staaten als Staat bezeichnen sich gerne als Christen. Stellen wir doch nun zur Abwechslung statt Kleiderordnung und Sexualkundeunterricht die Todesstrafenfrage auf einen christlichen Sockel: Es steht “Auge um Auge, Zahn um Zahn” (2. Mose 21, 24) gegen “Liebet eure Feinde” (Matthäus 5, 44) und “Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein” (Johannes 8, 7).

Nun, weiter wird auch gesagt, nur Gott gebe Leben, also dürfe folglich nur er es auch wieder nehmen. Tönt logisch. Die Todesstrafe hingegen löscht gezielt auf menschlichen Befehl hin Leben aus. Stellt sich der Verantwortliche auf diese Weise nicht mit Gott auf die gleiche Stufe? Darf sich ein Christ denn mit Gott auf die gleiche Stufe stellen?

Zweitens drängt sich die frage auf, welche Bibelstelle nun mehr Gewicht habe: Das Mose-Buch oder das Matthäusevangelium? Zitieren wir zur Beantwortung kommentarlos den kompletten Matthäus-Vers mit dem vorherigen sowie den Kontext des Johannesverses: “Ihr habt gehört, daß gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen.”, “Meister, dies Weib ist ergriffen auf frischer Tat im Ehebruch. Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solche zu steinigen; was sagst du? … Als sie nun anhielten, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.”

Für mich ist die Frage eindeutig geklärt. Am nächsten Sonntag ein eindeutiges Nein zur Todesstrafe in die imaginäre Urne.

Zur Klärung: Dieser Post ist wohl unübersehbar christlich geprägt. Dies ist nicht nur mit meinem persönlichen Weltbild begründet, sondern viel mehr auch mit der amerikanischen (christlichen) Selbstpräsentation. Dort, wo sich die Vereinigten Staaten platzieren, sollen auch die Argumente ansetzen.

7 Comments »

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  1. Sehr interessant. Nur leider kannst du nicht alle Amerikaner auf die gleiche Stufe stellen. Ich denke Amerika ist in dieser Hinsicht sehr zweigeteilt (was sich ja auch bei den Wahlen von Bush gezeigt hat) und ich bin beinahe überzeugt, dass in Amerika die Wahlen mit grosser Korruption übersät waren. Ich kann dies nicht begründen, nein, ich unterstelle dies nun einfach mal, denn: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht und wenn er auch die Wahrheit spricht.

    Die Amerikaner (nicht das Volk, die amerikanische Regierung) fälschen gewissenlos Dokumente welche über Leben und Tod von Millionen von Menschen entscheiden können. Sie versuchen Meinungen zu beeinflussen, indem sie gezielt Artikel in einem Projekt wie der Wikipedia zu ihren Gunsten verändern. Dies sind nur zwei Beispiele, welche mir gerade so einfallen.

    Nun, dies ist aber jedes Mal die Regierung oder ein Angestellter derselbigen gewesen. Das Volk (so wie ich es kenne, Verwandte, etc.) ist nicht immer einig mit der Regierung. Sicher trifft dies bei den Republikanern weniger zu als bei den Demokraten, doch in beiden Lagern gibt es ja immer wieder Stimmen welche gegen die Regierung gerichtet sind.

    Ich finde es nur traurig, dass ausgerechnet ein “importierter” Amerikaner nun über Leben und Tod entscheiden soll. Ich denke alle wissen wer gemeint ist. Der Mann kommt aus einem unserer Nachbarländern, wo es ja keine Todesstrafe gibt. Kaum ist er hingegen Gouveneur von Kalifornien, fängt er an “Gott” zu spielen (Gott bewusst in Anführungszeichen, da ich nicht wirklich an eine höhere Macht glaube, man verzeihe mir :p), natürlich mit grossen Protesten aus dem Heimatland.

    Man sieht also, dass nicht immer das Volk schuld ist, und man eher von der Regierung als von “den Amerikanern” sprechen sollte. Ich denke allerdings, dass dies hier so gemeint ist, oder?

    Kommentar von Christian Güdel — 19. Februar 2006 #

  2. Nein, es war nie meine Absicht, etwas über das amerikanische Volk zu behaupten. Ich meinte immer die Regierung, die ich jedoch zugegebenermassen auch nur aus der Zeitung kenne. Über die Wahlpraktiken in den Staaten wollen wir uns doch nicht jetzt auslassen, oder?

    Jedenfalls ist mindestens Bush als Präsident nicht mehr für die Todesurteile verantwortlich. War er nicht der Gouverneur mit der höchsten Quote gefällter Todesurteile? Man behafte mich jedoch nicht auf dieser Aussage.

    Warum unterscheidest du zwischen dem “importierten” Amerikaner (Schwarzenegger, gell?) und einem “normalen” Amerikaner? Ich gestünde keinem von beiden das Recht zu, über ein Menschenleben zu urteilen. Sei er Amerikaner, Importamerikaner, Schweizer, Deutscher oder Buschmann. Ich unterscheide da nicht nach dem Pass. Und ja doch, dir sei verziehen, dass du an keinen Gott glaubst.

    Inwiefern das Volk da die Finger in der Sache hat, kann ich nicht beurteilen. Tatsache ist, dass es hier in Europa gleichwohl Todesstrafenbefürworter wie -gegner gibt, wobei die Gegner wohl (meinem Gefühl und meiner Erfahrung nach) in der Überzahl sind. Ich mutmasse mal, dass es in Amerika ähnlich aussieht.

    Kommentar von Matthias Meid — 19. Februar 2006 #

  3. Nunja, ich unterscheide zwischen Schwarzenegger und einem “normalen” Amerikaner, weil Schwarzenegger in einem Land aufgewachsen ist, wo die Todesstrafe nicht existiert. Ich könnte mir vorstellen, dass ein Kalifornier noch eher zur Todesstrafe tendiert als einer der sie bisher nicht anwenden konnte. Natürlich hat keiner von beiden das Recht dazu.

    Kommentar von Christian Güdel — 19. Februar 2006 #

  4. Du hast zu Beginn deines Posts die ‘Tookie’-Debatte angesprochen. Vielleicht noch kurz zur Erläuterung:

    Stanley ‘Tookie’ Williams war Ende der 60er-Jahre Gründer der Strassengang ‘Crips’ in Los Angeles. Von Raubüberfällen und schwerer Körperverletzung bis hin zu Mord (einer erwiesen, drei weitere wurden ihm von den Geschworenen zugesprochen) hat er sich durch’s ganze Kriminalregister gearbeitet. Ein richtig böser Bube also.

    Doch nach seiner Verurteilung (Todesstrafe für vierfachen Mord), während den langen Jahren in der Todeszelle, begann sich Tookie zu wandeln: Er schwor der Gewalt ab, appellierte an die Jugend, sich keiner Bande anzuschliessen, und schrieb Kinderbücher. Die Wandlung vom Wolf zum Lamm? Vielleicht.

    Doch Tookie war nicht unschuldig. Viele andere sitzen Jahre, Jahrzehnte in einer Todeszelle, ohne das ihnen angelastete Verbrechen wirklich begangen zu haben. Weil die Todesurteile von einer Gruppe von Geschworenen gefällt werden, die vielleicht noch unausgeglichen zusammengesetzt ist. Weil Präsident und Gouverneure (nicht alle, die betreffenden Staaten sind aber einschlägig bekannt) für Gnadengesuche auf beiden Ohren taub sind. Und, nicht zuletzt, weil das Ganze vom Volk scheinbar gleichgültig akzeptiert wird. Natürlich gibt es immer wieder einzelne (Menschenrechts-)Gruppen, die gegen die Todesstrafe demonstrieren. Dennoch wagt es keine bedeutende Organisation oder Partei, klar dagegen Stellung zu nehmen. Weil das Gesetz in den Grundfesten des Amerikanischen Volkes wohl noch zu fest verankert ist. Und man fragt sich: Welche Grundfesten? Waren es nicht die Amerikaner, die vor etwas mehr als zweihundert Jahren als erste die Menschenrechte eingeführt haben, die mit der Gewaltentrennung das Vorbild für alle modernen europäischen Demokratien gebildet haben? Was ist von dieser Weitsicht heute noch übrig geblieben, oder besser, wann ist sie verloren gegangen?

    Um nochmal zur Todesstrafe an und für sich zurückzukehren: Du schaust das Thema aus christlicher Sicht an, Mudu. Dies ist interessant, weil sich auch die Bush-Administration immer wieder auf christliche Grundwerte beruft, und das offensichtlich nicht zum gleichen Ergebnis führen kann. Allerdings muss ich sagen, dass ich die Bibel zu wenig gut kenne, um hier mitdiskutieren zu können. Für mich gilt einfach: Kein Mensch hat die Legitimation, über einen anderen zu richten. Dies ist es, was die Zivilisation von den Tieren und ‘Barbaren’ unterscheidet, das Recht des Stärkeren wurde zugunsten einer Pflicht, den Schwächeren zu helfen, fallengelassen. Klar, ein Mörder setzt sich über diesen ethischen Kodex, er richtet über einen anderen Menschen, aus Hass, eigenem Profit oder einfach nur im Auftrag. Dies ist selbstverständlich aufs Schärfste zu verurteilen. Wenn man sich nun aber seinerseits über den Mörder stellt und dessen Leben ‘zum Wohle der Gesellschaft’ ein Ende bereitet, ist man schlussendlich keinen Deut besser als er selbst.

    Kommentar von Huendli — 26. Februar 2006 #

  5. Also, da haben wir es doch: Die Todesstrafe ist auch rein weltlich-gesellschaftlich nicht zu rechtfertigen. Der Punkt ist einfach, dass die christlichen Massstäbe und Weltanschauungen sowie das christliche Rechtsbewusstsein oft ein wenig bis total anders sind.

    Aber wir sind und also einig, dass sie Todesstrafe weder christlich (wo du nach deiner Aussage meiner Meinung glauben musst *g*) noch gesellschaftlich (wo du mitdiskutieren kannst) rechtzufertigen ist? - q.e.d.

    Kommentar von Matthias Meid — 27. Februar 2006 #

  6. quod erat demonstrandum, richtig :-)

    Kommentar von Huendli — 27. Februar 2006 #

  7. hey moin , finden die todesstrafe net gut

    Kommentar von Mandy und Nadja — 19. Juni 2006 #

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